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Ausfallrisiken mit Nachhaltigkeit minimieren

COGD-Vorstand Joachim Tosberg: Obsoleszenz-Management vor neuen Aufgaben
COGD: Ausfallrisiken mit Nachhaltigkeit minimieren

Die Mitglieder der Component Obsolescence Group Deutschland (COGD) haben den RAFI Life Cycle Manager Joachim Tosberg zum zweiten Mal in Folge in den Vorstand gewählt. RAFI, Hersteller von Bediensystemen und elektromechanischen Baugruppen, gehört dem Interessenverband seit 2017 an. Die COGD, der sich neben namhaften Industrieunternehmen auch zahlreiche Komponentenfertiger und Distributoren angeschlossen haben, befasst sich mit Fragen der Verfügbarkeit von Bauteilen, Produktreihen und Software. Zu den Kernaufgaben zählen Strategien und Methoden eines proaktiven Obsoleszenz-Managements, um Produkte und Produktionsprozesse bei auslaufenden, abgekündigten Komponenten frühzeitig anpassen und Alternativen verfügbar machen zu können.

EPP: Herr Tosberg, Sie sind für weitere zwei Jahre in den Vorstand der COGD gewählt worden. Wo lagen die bisherigen Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Joachim Tosberg: In der COGD übernimmt jedes Vorstandsmitglied spezifische Ressortaufgaben. Mein Fokus lag auf der Organisation und Betreuung der verschiedenen Arbeitsgruppen. In diesen AGs erarbeiten wir nach Best-Practice-Kriterien Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Obsoleszenz, die dann den COGD-Mitgliedern zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus haben wir eine Online-Plattform für die effektive Zusammenarbeit im Netz eingerichtet.

Außerdem gehört es zu den Aufgaben der Vorstandsmitglieder, das branchenübergreifende Bewusstsein für Obsoleszenz-Risiken zu schärfen und die Unterstützungsleistungen der COGD für den Aufbau und die Durchführung eines proaktiven Obsoleszenz-Managements publik zu machen. Ein weiterer Punkt betrifft die Auswahl von Referenten und Vortragsthemen für unsere Quartalsmeetings, um einen breiten fachlichen Austausch zu allen wichtigen Aspekten des Obsoleszenz-Managements zu gewährleisten.

EPP: Welche Akzente wollen Sie in Ihrer zweiten Amtszeit setzen?

Joachim Tosberg: Das Life Cycle Forecast wird uns sicherlich weiter intensiv beschäftigen. Mit der beschleunigten Einführung neuer Produktserien sinkt insbesondere bei elektronischen Komponenten und Baugruppen die Verfügbarkeit ihrer Vorläuferversionen. Die schnelle Abkündigung älterer Komponenten stellt viele Hersteller vor das Problem, baugleiche Systeme über längere Zeit liefern und mit kompatiblen Ersatzteilen versorgen zu können.

Richtig kompliziert wird es, wenn zulassungspflichtige Produkte aus der Automobilindustrie oder der Medizintechnik betroffen sind. Weil solche Zulassungen über die gesamte Laufzeit des Produktes bindend sind, müssen Bauteiländerungen dem Kunden angezeigt werden und sind womöglich mit umfangreichen und kostspieligen Validierungen verbunden. Deshalb empfiehlt es sich, Obsoleszenz-Risiken vorzeitig bzw. proaktiv anzugehen – auch im Hinblick auf die steigenden Kundenerwartungen an ein funktionierendes Life-Cycle- und Obsoleszenz-Management. Weitere Herausforderungen betreffen aktuelle Engpässe in den Lieferketten und verschärfte Richtlinien zur Nachhaltigkeit von Bauteilen und Materialien.

EPP: Wie wirkt sich der Faktor Nachhaltigkeit auf das Obsoleszenz-Management aus?

Joachim Tosberg: Nachhaltigkeit ist zu einem zentralen Thema für den Umgang mit Obsoleszenz geworden. Mit der SCIP-Verordnung hat die EU nach RoHS und REACh die Anforderungen weiter verschärft. Hersteller sind nun verpflichtet, die Verwendung besonders besorgniserregender Stoffe in einer europaweiten Datenbank anzuzeigen. Das betrifft nicht nur Elektronikkomponenten, sondern auch Kunststoffe, Metalle, Farben und vieles mehr. Ein Verbot bestimmter Stoffe wird unweigerlich zu mehr Obsoleszenz führen. Als Verband mit über 160 Mitgliedern entlang der gesamten Lieferkette wollen wir unseren Einfluss geltend machen, damit uns daraus keine Nachteile entstehen. Deshalb haben wir beim zweiten Quartalsmeeting im Juni 2021 die Kreislaufwirtschaft zu einem Themenschwerpunkt gemacht und uns über die bisherigen Erfahrungen mit der SCIP-Verordnung im Rahmen einer Podiumsdiskussion verständigt. Wir sind uns einig über die Relevanz von RoHS, REACh, SCIP, ESG etc. für eine nachhaltige, umwelt- und ressourcenschonende Material- und Komponentenauswahl. Kritisch sehen wir aber die Umsetzbarkeit, weil wir den Aufwand zur Datenermittlung für zu hoch und kostenintensiv erachten. Während die Informationsbeschaffung bei Elektronikkomponenten dank etablierter Datenbanken schon recht gut funktioniert, steckt die Datenerfassung etwa bei Kunststoffen noch in den Kinderschuhen. Darum haben wir Kontakt zu anderen Verbänden aufgenommen, um gemeinsame Lösungen zu entwickeln.

EPP: Welche Entwicklungen haben Ihre Arbeit in letzter Zeit noch beeinflusst?

Joachim Tosberg: Das einschneidendste Ereignis, das die gesamte Weltwirtschaft betroffen hat, ist sicherlich die Corona-Pandemie. Unsere Verbandsarbeit im COGD hat darunter nur wenig gelitten, weil wir Arbeitsgruppen-Treffen und Veranstaltungen virtuell über unser neues Online-Portal abhalten konnten. Da sich dieses Format als sehr erfolgreich erwiesen hat, wollen wir es in Zukunft ergänzend zu unseren Präsenzmeetings beibehalten. So können auch Mitglieder, die nicht persönlich am Tagungsort präsent sind, via Livestream die Vorträge verfolgen und an unseren Diskussionen teilnehmen. Viel schwerwiegender sind die Pandemiefolgen jedoch für die Produktverfügbarkeit.

EPP: Wie sehen Sie die Situation in punkto Verfügbarkeit und welche Schwierigkeiten machen der Branche in dieser Hinsicht besonders zu schaffen?

Joachim Tosberg: Wir konnten bei RAFI zwar keine markante Zunahme von Produktabkündigungen und Product Change Notifications (PCN) feststellen, doch die Auswirkungen der Lockdowns haben zahlreiche Hersteller stark getroffen. Während die Produktion in vielen Zuliefermärkten zeitweilig gedrosselt oder eingestellt wurde, blieben die Absatzmärkte durch den Onlinehandel aktiv. Traditionelle Lieferketten sind zwischenzeitlich abgerissen und haben zu fortdauernden Versorgungsengpässen geführt. Seither spielt der Bauteile-Markt verrückt. Insbesondere Hersteller von Consumer-Produkten sahen sich genötigt, im großen Stil Bauteile für ihre Produkte zu sichern. Das hat zu weiterer Verknappung geführt und einen Lawineneffekt von Panikkäufen ausgelöst.

Auch wenn die Komponentenhersteller jetzt wieder unter Volllast produzieren, ist dieser Rückstand nur schwer aufzuholen, denn der Beschaffungsmarkt war auch schon vor der Pandemie recht fragil bezüglich der Verfügbarkeit. Und weil einzelne Hersteller wie RAFI die Entwicklungen am Komponentenmarkt in der Regel nicht entscheidend beeinflussen können, braucht es gemeinsame Lösungen im Verbund der COGD. Dies gilt neben Elektronikkomponenten auch für Rohstoffe wie Kunststoffgranulate, Metalle oder Beschichtungen. Wenn die Materialsituation außer Kontrolle gerät, läuft man Gefahr, Kundenbestellungen nicht mehr rechtzeitig bedienen und Ersatzteilverpflichtungen nicht einhalten zu können. Umso wichtiger sind die Einrichtung eines proaktiven Obsoleszenz-Managements und unser Engagement für die Verringerung von Obsoleszenz-Risiken.

www.cog-d.de | www.rafi-group.com


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