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„Kunden werden sich ihre Lieferketten künftig genauer anschauen“

Interview mit Bernhard Pulferer, CEO der Melecs Gruppe
„Kunden werden sich ihre Lieferketten künftig genauer anschauen“

Wie hat die Pandemie die Elektronikfertiger getroffen und welche längerfristigen Lehren ziehen sie daraus? Wir haben mit Bernhard Pulferer, Mitgründer und CEO der österreichischen EMS-Gruppe Melecs gesprochen.

EPP: Herr Pulferer, erinnern Sie sich noch an den Beginn der Pandemie?

Bernhard Pulferer: Ja, so etwas vergisst man so schnell nicht. Hier im Werk Siegendorf sind wir am 16. März 2020 in den Lockdown gegangen. Glücklicherweise sind wir im Bereich IT gut aufgestellt und binnen 2 Tagen konnten praktisch alle Mitarbeiter in Verwaltung, Einkauf, Vertrieb etc. über VPN-Verbindungen aus dem Homeoffice arbeiten. Auch waren wir etwas vorgewarnt: Unser Werk im chinesischen Wuxi war schon nach dem Chinese New Year zeitweise geschlossen.

EPP: Und in der Fertigung?

Bernhard Pulferer: Klar, die Fertigung konnte nicht ins Homeoffice. Weil einige große Kunden Bestellungen stornierten oder Lieferpläne anpassten, mussten wir unsere Produktion zurückfahren. In Bereichen wie Weiße Ware oder Industrie besserte sich das dann aber sehr schnell wieder. Binnen weniger Monate erreichten die Aufträge abermals ein ähnliches Niveau. Im Bereich Weiße Ware gab es sogar deutliches Wachstum. Daraus entstand eine neue Anforderung: Wir mussten in der Pandemie für unsere Werke eine unterbrechungsfreie Materialversorgung sicherstellen.

EPP: Welche Maßnahmen haben Sie konkret getroffen und wie hat das gewirkt?

Bernhard Pulferer: Offen gesagt: Wir profitierten von Entscheidungen, die wir schon Jahre vor und völlig unabhängig von der Pandemie getroffen hatten. Beispielsweise von unserer recht fortgeschrittenen Digitalisierung in Beschaffung, Planung und Produktion. Oder auch von der Tatsache, dass unsere Werke in Österreich, Ungarn, China und Mexiko so ausgelegt sind, dass wir fast überall die komplette Produktpalette in weitgehend identischen Prozessen fertigen können. So konnten wir Spitzen verlagern oder Pandemie-bedingte Einschränkungen über andere Werke abfangen. Auch haben wir sofort ein Krisenteam gebildet, das zunächst täglich, später in größeren Abständen, daran gearbeitet hat, die Versorgung in enger Abstimmung mit den Lieferanten und über Käufe auf Spotmärkten zu sichern. Auch Richtung Kunden haben wir intensiv kommuniziert, Planungen angepasst. Das war viel Arbeit, ist uns aber bis auf wenige Ausnahmen gut gelungen. Themen wie die aktuellen, globalen Halbleiterengpässe spüren wir aber bis heute. Einige Komponentenhersteller haben aus Angst vor Nachfrage-Einbrüchen wohl übervorsichtig runtergefahren – und Produktionsstopps sind in einer Halbleiterfertigung schwer aufzuholen.

EPP: Melecs betreibt Werke in verschiedenen Ländern und Regionen. Wie unterschiedlich war die Situation in den verschiedenen Werken?

Bernhard Pulferer: Da gab es große Unterschiede. In China hatten wir einen radikalen Stopp der Produktion, aber binnen weniger Wochen lief das Werk wieder unter Volllast als wäre nichts gewesen. Ein typisches V würde der Volkswirt sagen. In Europa hatten wir länger zu kämpfen. Aber dank Kurzarbeit, Arbeitszeitflexibilisierung und anderen Instrumenten waren wir beweglich und konnten das Personal halten – worüber wir heute mehr als froh sind. In Mexiko war das praktisch nicht möglich, hier mussten dann im Zuge des Wiederanfahrens einige neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht werden. Das macht es wirklich nicht leichter.

EPP: Im Unterschied zu vielen anderen Unternehmen investieren Sie auch in der Krise weiter in neues Equipment und die Digitalisierung. Warum?

Bernhard Pulferer: Ja, wir investieren weiter – nicht nur in den Erhalt, sondern auch weiterhin gezielt in Modernisierung und Erweiterung. Das betrifft alle Werke. Die Motive sind schnell erklärt: Elektronik dringt in immer mehr Anwendungen vor und damit werden immer mehr Kompetenzen und Kapazitäten in der Elektronikfertigung gesucht. Sehen Sie sich unsere Märkte an: Ob Automotive, Weiße Ware oder industrielle Anwendungen – überall steigt der Anteil an elektronischen Komponenten, Steuergeräten und Kommunikationsmodulen. Selbst ein so extremes Ereignis wie die Pandemie hat diese Trends nur kurzzeitig verlangsamt. Unser zweites Motiv: Wir gewinnen über Investitionen in Digitalisierung und modernes Equipment an Produktivität, an Flexibilität und an Qualität. Auch deshalb hat man uns 2018 mit dem Smart Factory Award ausgezeichnet. Unsere Kunden wollen Partner, die langfristig vorn dabei sind. Digitalisierung verbessert unsere Position im Wettbewerb – ganz konkret und messbar. Und mal ganz ehrlich: Auch deshalb wäre diese Pandemie vor 10 oder 20 Jahren ein noch viel größeres Desaster geworden.

EPP: Wie meinen Sie das?

Bernhard Pulferer: Binnen zwei Tagen hatten wir für alle Mitarbeiter VPN aufgesetzt. Wir können fast problemfrei von überall auf alle Systeme zugreifen, stimmen uns in Videokonferenzen intern und mit Kunden ab, werden über Lieferengpässe elektronisch und extrem schnell informiert – und bei Problemen in der Fertigung helfen uns Hersteller wie ASM über Remote Support. Ein Beispiel: Wir haben gerade in Datenbrillen, Smart Glasses investiert, damit interne oder externe Experten live über Video bei Reparaturen oder Fehleranalysen assistieren können. Dank unserer Investitionen in Vernetzung und WLAN in der Fertigung überhaupt kein Ding mehr. Aber all das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Vor 10 Jahren wäre es denkbar gewesen – aber es hätte nicht zuverlässig funktioniert. Anders gesagt: Vernetzung und Digitalisierung haben uns und andere Unternehmen mit Sicherheit vor weit schlimmeren Folgen der Pandemie gerettet. Warum also sollte ich aufhören zu modernisieren? Eigentlich müssten alle Elektronikfertiger viel mehr investieren und schneller digitalisieren.

EPP: Was erwarten Sie in Bezug auf die Pandemie von Ihren Kunden? Was wird sich hier verändern und was wird künftig von Ihnen erwartet?

Bernhard Pulferer: Auch künftig werden die Kunden das beste Preis-/Leistungsverhältnis suchen. So bieten wir neben Fertigungsdienstleistungen auch Entwicklungsdienstleistungen und Produktoptimierungen. Das ist konkreter Mehrwert für den Kunden und setzt uns vom Wettbewerb ab. Die Pandemie wird große Hersteller dazu zwingen, ihr Risikomanagement zu verbessern. Sie werden Lieferanten wählen, die auch in Krisen eine flexible und stabile Belieferung garantieren können – an allen Standorten und in allen Regionen, in denen der Kunde tätig ist. Kunden werden sich ihre Lieferketten künftig genauer anschauen. Vertragliche Phrasen reichen dann nicht mehr. Es müssen Systeme und Notfallprozesse installiert sein, die den Fertiger und damit den OEM krisenfester machen. Kunden werden diese Prozesse in Business Continuity Audits überprüfen oder vielleicht sogar in gemeinsamen Krisenszenarios testen lassen. Wir haben ja schon in dieser Krise gesehen: Wer aus seinen Systemen und Anlagen auf Knopfdruck Echtzeit-Informationen zieht, kann schneller, flexibler und zielgerichteter reagieren. Und um dies tun zu können, müssen Fertiger ihre Anlagen modernisieren, Prozesse integrieren und Kommunikation in alle Richtungen digitalisieren.

EPP: Und was erwarten Sie in dieser Richtung von Ihren Equipment-Lieferanten?

Bernhard Pulferer: Wir sind da in allen Kernbereichen gut aufgestellt. Im Bereich SMT beispielsweise mit Technologiepartnern wie ASM, die in puncto offener Digitalisierung und Prozessintegration wirklich eine Vorreiterrolle einnehmen. ASM hat einen „Global Footprint“, kann uns also in allen Werken mit Ressourcen in der Region unterstützen. Das war schon in der Pandemie wichtig und ist bei der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten in der Produktion künftig noch wichtiger. Konkret erwarten wir von allen Lieferanten offene, standardisierte Schnittstellen, um jede Maschine und jede Software vernetzen und darüber in Echtzeit kommunizieren zu können. Wir führen gerade ein neues MES ein. Da müssen alle Equipment-Lieferanten mitmachen und uns die Integration über entsprechende Standardschnittstellen einfacher machen. Wir erwarten längst nicht mehr nur einen guten Servicelevel für Maschinen, sondern technologische Kompetenz und Beratung in Hard- und Software sowie aktive, partnerschaftliche Zusammenarbeit in Innovationsprojekten.

www.melecs.com

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